Kaiserbahnhof Halbe
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Kaiserbahnhof Halbe
Innenleben/Restauration
Neue Fenster

Das preußische Herrschergeschlecht der Hohenzollern besaß südlich von Königs Wusterhausen ausgedehnte Jagdgebiete. Bereits König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) nutzte das Königs Wusterhausener Schloss als Jagdschloss. Bis zuletzt unter Kaiser Wilhelm II. (1888-1918) wurden in den über Königs Wusterhausen zu erreichenden Jagdgebieten Hofjagden veranstaltet.
Mit der Entwicklung des Eisenbahnwesens in Deutschland entstanden auch so genannte Fürstenbahnhöfe. Es waren gesonderte Empfangsanlagen im Bereich eines Bahnhofs für "höchste und allerhöchste Herrschaften".

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Als mit Baubeginn 1865 die über Königs Wusterhausen führende private Berlin-Görlitzer-Eisenbahn gebaut wurde kam es am Bahnhof Halbe zur Errichtung eines "Königlichen Empfangsgebäudes" für die Hofjagdgesellschaften, die das Forsthaus Hammer anstrebten. Damals gab es noch keinen Kaiser, es regierte Wilhelm I., König von Preußen, nachmals deutscher Kaiser (1861-1888). Erbaut wurde das Gebäude von Architekt August Orth. Es wurde 1865 vollendet. Wir können somit das Jubiläum "150 Jahre Kaiserbahnhof Halbe" feiern.
August Orth, 1828-1901, war ein vielbeschäftigter Berliner Architekt, dessen Schaffen vom Historismus geprägt war.

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Bild: WIKIPEDIA 4/2015

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Bild: WIKIPEDIA 4/2015

Orth errichtet u.a. 1873 die Zionskirche

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Bild: WIKIPEDIA 4/2015

und die Emmauskirche in Berlin. Er erhielt auch zahlreiche Aufträge durch den Eisenbahnunternehmer Strousberg. Er erbaute den Ausgangspunkt der Berlin-Görlitzer Eisenbahn, den monumentalen Görlitzer Bahnhof, der im II. Weltkrieg zerstört wurde. Für Strousberg persönlich erbaute er 1867/68 an der Berliner Wilhelmstraße ein repräsentatives Stadtpalais, das Palais Strousberg.

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Bild: Palais Strousberg, Portikus, WIKIPEDIA 3/2015

Das Palais wurde im II. Weltkrieg zerstört. An seiner Stelle steht heute der Neubau der Britischen Botschaft.
Die überaus prachtvolle Ausstattung des Gebäudes war gegen Ende des XIX. Jahrhunderts beispielgebend für neu zu errichtende Palastbauten der damaligen Zeit. WIKIPEDIA 3/2015 Wir zeigen ein Foto des Festsaales im Palais.

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Bild: Palais Strousberg, Festsaal, WIKIPEDIA 3/2015

sowie eine Entwurfszeichnung des Architekten Orth zum Festsaal

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Bild: Palais Strousberg, Festsaal, Entwurfszeichnung Orth, WIKIPEDIA 2015

Ein Ausschnitt der Entwurfszeichnung zeigt, wie verschwenderisch der Architekt den Saal dekorierte.

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Bild: Entwurfszeichnung, Detail, WIKIPEDIA 3/2015

Von Strousberg erhielt Architekt Orth auch den Auftrag, das königliche Empfangsgebäude am Bahnhof Halbe zu erbauen, das nach der Reichsgründung 1871 zum Kaiserbahnhof wurde.

Orth fertigte u.a. zwei Entwurfsskizzen an, die Gesamtansichten bieten und eine Vorstellung davon vermitteln, wie das vorgesehene Gebäude aussehen sollte. Die von Orth entwickelte Konzeption wurde im wesentlichen umgesetzt. Da viele Werke Orths infolge Kriegseinwirkungen für immer verloren sind, ist es umso erfreulicher, dass der Kaiserbahnhof in Halbe noch steht und restauriert wird.
Wir zeigen zunächst eine Zeichnung Orths, die das Gebäude frontal von der Straße aus gesehen darstellt. Wir sehen zwei der Ecktürme, die vier großen Rundbogenfenster und die Eingangsloggia. Auf dem Dach des Portikus prangt der Preußische Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Der Adler befindet sich gegenwärtig nicht an seinem Platz, er soll aber noch vorhanden sein wie der jetzige Besitzer versichert. (MACKY 2015)
Über den beiden Giebelspitzen befinden sich Postamente, die jeweils eine große Fahnenstange tragen. Sie sind gegenwärtig nicht vorhanden.
Orth hatte vorgesehen, die Fenster jeweils mit drei großen Scheiben auszustatten, eine halbrunde Scheibe als Oberlicht und zwei große durchgehende Scheiben unter dem Fensterkreuz für die beiden Fensterflügel. Genauso werden die Fenster zurzeit im Zuge der Restaurierung wieder hergestellt.
Links, zum Garten hin, ist dem Gebäude eine kleine Terrasse vorgelagert. Sie ist zum Garten hin durch eine niedrige Brüstung begrenzt, die einen halbrunden Bogen beschreibt. Diese Terrasse ist gegenwärtig nicht vorhanden, man habe aber Fundamente gefunden und wolle sie in der von Architekt Orth vorgesehenen Form wieder herstellen. (RINGKAMP 2015)
Die von Orth vorgesehene farbliche Gestaltung der Fassade wurde durch den Einsatz von Backsteinen des entsprechenden Farbtons in Rohbauweise realisiert.

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Bild: Entwurfszeichnung Orth, 1865, Sammlung MACKY 2015

Die frontale Entwurfszeichnung in näherer Ansicht

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Bild: Entwurfszeichnung Orth, 1865, Sammlung MACKY 2015

Die zweite von Orth gefertigte Zeichnung zeigt das Gebäude aus südöstlicher Richtung. Wir sehen die Straßenfassade mit Portikus sowie die südliche Giebelseite mit der vorgelagerten halbrunden Terrasse. Links wird der Bahnsteig angedeutet. Rechts im Hintergrund ist das allgemeine Empfangsgebäude des Bahnhofs Halbe zu sehen. Die sehr plastisch wirkende Entwurfszeichnung ist ästhetisch überaus ansprechend und vermittelt einen Eindruck von der Zeichenkunst des Architekten.

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Bild: Entwurfszeichnung Orth 1865, Sammlung MACKY 2015

Nähere Ansicht der Entwurfszeichnung mit schrägem Blickwinkel

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Bild: Entwurfszeichnung Orth 1865, Sammlung MACKY 2015, Ausschnitt

Auf einer historischen Postkarte sehen wir den Zustand des Kaiserbahnhofs um 1900. Der Beschriftung ist zu entnehmen, dass die Aufnahme nach Gründung des Kaiserreichs, d.h. nach 1871, aber vor Abschaffung der Monarchie, d.h. vor 1918 gemacht worden sein muss. Man erkennt, dass die Verglasung der großen Fenster noch intakt ist. Die Fahnenständer mit ihren Postamenten sind unversehrt. Das Gartengelände links vom Gebäude ist mit einem Holzzaun eingefriedet. Die Beschriftung ist nicht ganz korrekt. Das Gebäude diente nie als Jagdschloss und gehörte auch nie dem Kaiser oder dem Hohenzollerngeschlecht. (WIKIPEDIA 1/2015) Es war ein Bauwerk der Eisenbahn und diente bis zum Ende der Monarchie als Empfangsgebäude für den Kaiser und seine Gäste.

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Bild: Historische Postkarte um 1900, zeuthen-online.de 2015

Auf einer weiteren historischen Postkarte sehen wir das Gebäude des Kaiserbahnhofs und im Hintergrund rechts das allgemeine Empfangsgebäude des Bahnhofs Halbe. Diese Postkarte stammt vermutlich aus der Zeit nach dem Sturz der Monarchie, d.h. nach 1918. In der Beschriftung ist der Kaiser nicht erwähnt. Zwar befindet sich der preußische Adler noch über dem Portikus, aber es sind Umbauten zu erkennen. Der Portikus ist durch ein Gatter gesichert. Das hatte es zu Kaisers Zeiten sicherlich nicht gegeben. Noch gravierender ist es, dass links vom Portikus zwei der großen Fenster zugemauert wurden. Es wurden kleinformatige Fenster eingesetzt.

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Bild: Historische Postkarte nach 1918, zeuthen-online.de 2015

Der Portikus in näherer Ansicht. Bemerkenswert ist, dass die großen Fenster des Gebäudes durch Fensterläden gesichert waren. Das ist auch verständlich, denn der Kaiserbahnhof war über lange Strecken des Jahres unbenutzt.

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Bild: Historische Postkarte nach 1918, Ausschnitt, zeuthen-online.de 2015

Wir wollen auch dem Eisenbahnunternehmer Bethel Henry Strousberg 1823-84 unsere Reverenz erweisen. Ihm als Auftraggeber und Finanzier ist es in erster Linie zu verdanken, dass es den Kaiserbahnhof Halbe gibt.

Strousberg war ein überaus erfolgreicher Unternehmer in Preußen. Besonders engagierte er sich beim Eisenbahnbau.

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Bild: Porträt Strousberg, unbekannter Zeichner, vor 1876

Angesichts seiner wirtschaftlichen Erfolge kam er zu märchenhaftem Reichtum und konnte sich in seinem Lebensstil zeitweise mit den höchsten Fürstlichkeiten vergleichen.

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Bild: Ludwig Knaus: Familienbildnis Strousberg 1870, Anagoria, 2015

Auf dem Höhepunkt seines Erfolges besaß er mehrere Schlösser und in Berlin das von Architekt Orth nach seinen Wünschen erbaute Stadtpalais an der Wilhelmstraße (Strousberg-Palais)

Im Jahre 1875 brach das Strousbergsche Wirtschaftsimperium zusammen und Strousberg musste Konkurs anmelden. Den größten Teil seines Vermögens verlor er. Strousberg verstarb am 31. Mai 1884. Sein Familiengrab befindet sich auf dem St. Matthäus-Kirchhof in Berlin Schöneberg. (WIKIPEDIA 2/2015)

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Aber kehren wir zum Gebäude des Kaiserbahnhofs zurück.
 
Das Gebäude steht südlich des allgemeinen Empfangsgebäudes des Bahnhofs Halbe und hat die Anschrift: Halbe, Bahnhofstraße 31.
Nach Errichtung des deutschen Kaiserreiches 1871 wurde das Gebäude in Halbe zum "Kaiserlichen Empfangsgebäude" bzw. zum "Kaiserbahnhof Halbe". In der Tat sind hier, wenn auch selten, der deutsche Kaiser und seine Jagdgesellschaften angereist.
Mit der Abschaffung der Monarchie 1918 verloren die Fürstenbahnhöfe ihre Bedeutung und standen zumeist leer. So erging es auch dem Kaiserbahnhof Halbe.
Der Kaiserbahnhof ist ein rechteckiges Backsteingebäude. An jeder Ecke des Gebäudes steht ein viereckiger Turm mit flachem Dach und begehbarer Plattform. Die vier Türme verleihen dem Gebäude ein kastellartiges Gepräge. Unser Startbild zeigt den Südgiebel, wo sich ein kleiner Garten anschließt.
Südfassade mit den zwei Südtürmen

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Detail der Südfassade. Die durch den großen Bogen überbrückte Maueröffnung ist nachträglich vermauert.

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Südgiebel mit verkoppelten kleinen Rundbogenfenstern.

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Dekorarkaden des Giebels. Zwischen den Arkaden und den beiden Rundbogenfenstern wurden Dachziegel zu einer Zierleiste zusammengefügt.

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Südwestturm

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Straßenfront an der Ostseite mit Portikus sowie die beiden Nordtürmen. Vorgelagert Nebengebäude des Bahnhofs Halbe.

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Ostseite mit Portikus in näherer Ansicht

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Der Portikus frontal, früherer Eingangsbereich von der Straße her. Durch Vermauerung des großen Portals sowie der Fenster ist gegenwärtig die Wirkung stark beeinträchtigt.

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Betrachtet man nur die oberen Partien des Portikus, die weniger durch nachträgliche Veränderungen gestört sind, erschließt sich die ursprüngliche großartige Wirkung.

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Oberer Teil des Portikus aus nordöstlicher Richtung

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Blick in das Gewölbe des Portikus von vorn

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Säulendetail des Portikus

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Kreuzgewölbe des Portikus von unten

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Fußbodenfliesen im Portikus

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Fassadenpartie der Ostseite mit Nordwestturm

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Bekrönung des Nordturmes

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Fassadendetail Ostseite. Man sieht, dass teilweise als Dekor Terrakotta zum Einsatz kam, das leicht beschädigt werden konnte.

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Hauptgesims und Nordostturm

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Detail der Arkaden des Hauptgesimses an der Ostseite

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Fensterbrüstung

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Ansicht vom westlich gelegenen Bahnsteig aus

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Nordwestecke

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Nordgiebel mit den beiden nördlichen Türmen

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Teil des Hauptgesimses an der Westfassade

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Nordgiebel in Nahaufnahme

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Bekrönung des Nordwestturmes aus nördlicher Sicht

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Bekrönung des Nordwestturmes aus westlicher Sicht

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Details der Verfugung. Die Fugen sind hier ausgezeichnet erhalten. Man sieht, dass der Fugenmörtel zu den Backsteinen passend rötlich eingefärbt und mittels einer speziellen Fugenkelle zur Wulst geformt wurde. Diese Art der Verfugung bestimmt maßgeblich das Erscheinungsbild des unverputzten Gemäuers und sollte deshalb bei einer möglichen Restaurierung erhalten werden.

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Der Kaiserbahnhof Halbe ist ein hervorragendes Beispiel des sehr frühen Gründerzeithistorismus. Zugleich zeigt er, wie durch die Eisenbahnen im 19. Jahrhundert gesonderte Empfangsgebäude für "Allerhöchste Herrschaften" errichtet wurden, um auch diesen Personenkreis als Nutzer der Bahnen zu gewinnen und zufrieden zu stellen.
Wir wünschen dem wertvollen Gebäude eine sensible stilsichere Restaurierung und eine angemessene sinnvolle Nutzung.
Wie wir erfahren hat eine Privatperson das Gebäude erworben und mit der Restaurierung begonnen. Viel Erfolg!



 
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