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Einführung
Gründerzeit-Historismus
Historismus

Der Gründerzeit-Historismus nimmt in der wissenschaftlichen und populären Kunstbetrachtung eine merkwürdige Sonderstellung ein. Während der Gründerzeit vorhergehende bzw. nachfolgende Kunstströmungen – einerseits Klassizismus, andererseits Jugendstil, Moderne – wissenschaftlich und auch in populären Veröffentlichungen ausführlich dargestellt und gewürdigt werden, gibt es über den Historismus kaum Publikationen und der Schauwert dieser Objekte wird wenig beachtet. Offenbar existiert in der Fachwelt eine Unsicherheit in der Bewertung des Historismus und das schlägt sich auch in der Ratlosigkeit der öffentlichen Meinung nieder. Sind die Werke, die durch den Gründerzeit-Historismus geprägt sind, künstlerisch wertvoll und schön, oder sind sie wertlos und kitschig?
Am ehesten haben noch historistische Kunstschöpfungen Anerkennung gefunden, die erkennbar ausschließlich einen bestimmten alten Stil aufgegriffen und mit Mitteln der Gründerzeit in baukünstlerische Schöpfungen umsetzten, etwa neogotische oder neoromanische Kirchen,

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öffentliche Bauten im Stil des Neobarock oder der Neorenaissance. Aber auch hier bleibt der Vorwurf der Nachahmung, der fehlenden schöpferischen Originalität.
Es gab aber im Historismus auch in größerem Umfang, vor allem auf dem Gebiet der Profanbauten, die Stilmischung. Viele verschiedene Stilelemente, angefangen von antiken Bauformen bis hin zum Klassizismus, wurden miteinander verwoben und zum Teil zu üppig geschmückten Bauwerken aufgeführt.
Als die historisierende Gründerzeitbausweise allmählich überwunden wurde, erfuhr sie herbe Kritik. So schrieben die angesehenen Baustil-Lehrer v. Sacken/Gruner 1913 vom "furchtbaren Stilwirrwar im ausgehenden 19.Jahrhundert, vom willkürlichen Kopieren früherer Stile, von dekorativen Wucherungen". Der Gründerstil wurde als überladen, pompös und eklektizistisch angesehen. Verglichen mit den späteren klaren Formen etwa des Bauhauses war der Gründerstil in der Tat sehr üppig und formenreich.
ROTERS (1974) schrieb der Gründerzeit u.a. folgende Stilprinzipien zu: 

  • Fassadenhaftigkeit
  • Monumentalität
  • Pomp und Übertreibung
  • Formenfülle
  • Angst vor dem leeren Raum, der glatten Fläche
  • Verschleierung der Funktion
  • Überladenheit der Fassaden
  • Vollstopfen der Innenräume
  • Aufgreifen historischer Stile
  • Vermischung der von ihren ursprünglichen Verwendungszwecken gelösten Stilingredienzien.

Das klingt nicht gerade freundlich.
Was lässt sich dazu sagen? 

  1. Es stimmt alles.
  2. Das ist alles nicht schlecht und verwerflich.
  3. Die Merkmale treffen auch auf andere Stile zu, etwa auf das allenthalben hoch geschätzte Spätbarock.
  4. Die Merkmale schließen das Entstehen schöner und großartiger baukünstlerischer Schöpfungen nicht aus.

Zur verbreiteten Negativbewertung des Historismus mag nachträglich auch beigetragen haben, dass an diesem Stil die staatlichen und kommunalen Auftraggeber des damaligen Kaiserreichs bis zum Untergang der Monarchie festhielten,

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während private Auftraggeber längst zum Jugendstil übergingen.
Die negative Beurteilung des Historismus wirkte lange nach und tut auch heute noch ihre Wirkung. Gelegentlich finden sich auch in der Gegenwart Geringschätzung oder zumindest Gleichgültigkeit gegenüber den Zeugnissen der Gründerzeit.
Freilich hat sich allenthalben das Blatt doch einigermaßen gewendet. Einzelne Gründerzeitobjekte werden sorgfältig restauriert. Ganze Gründerzeit-Häuserzeilen werden instand gesetzt, die verschwenderischen Stuckfassaden erneuert. Sie bilden einen freundlichen Kontrast zum Einerlei der Glas- und Betonschluchten und den Menschen gefällt es. Leider ist mancher abgeschlagene Fassadenschmuck unwiederbringlich verloren.
Es gibt noch ein weiteres Gefährdungsmoment für die Gründerzeitarchitektur, und nicht nur für diese:
Moderne Architekten scheuen sich, ein erneuerungsbedürftiges Gebäude so zu rekonstruieren, dass seine ursprüngliche Gestalt und Schönheit wieder erlebbar wird. Man geht von dem irrigen Konzept aus, zu "konservieren, was vom Ursprünglichen übrig ist und neu hinzuzufügen, was an Neuem nötig ist" (FALKENSEE 2007). Dieser "Bauphilosophie" sind auch das Reichstagsgebäude und der Berliner Dom zum Opfer gefallen, indem etwa die Kuppeln verändert wurden. Man nennt so etwas dann "den historischen Entwurf um das Vokabular unserer Tage zu bereichern". Jüngstes Beispiel ist das Neue Museum auf der Museumsinsel in Berlin.

Glücklicherweise sind in Greiz derartig massive Bausünden noch nicht vorgekommen. Man kann nur hoffen, dass die erhalten gebliebene Gründerzeitarchitektur in Greiz auch in Zukunft davor verschont bleibt.
Unvoreingenommen betrachtet hat der Gründerzeit-Historismus bei aller Verwertung historische Formen zu einer eigenständigen zeitgebundenen Stilbildung geführt, die im Ergebnis schöpferischer Auseinandersetzung harmonische, ästhetisch hoch stehende Kunstobjekte hervorbrachte, welche sich stilistisch von früheren und späteren Stilen klar unterscheiden. Die stilistischen Prinzipien durchdrangen alle Lebensbereiche, sie fanden sich nicht nur in der Baukunst, sondern beispielsweise im Mobiliar, in Gebrauchsgegenständen, in der Mode, in der Tapetengestaltung, im Schmuck, in der Gestaltung von Maschinen, in der Buchgestaltung usw.