Einleitung

Der Gründerzeitstil in seinen zahlreichen Spielarten prägte die Architektur ein halbes Jahrhundert lang und diese Stilprägung hinterließ in beachtlichem Umfang im Kleinen wie im Großen Bauten, von denen noch heute eine dominierende und auch faszinierende Wirkung ausgeht. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen indessen Bestrebungen auf, neue Stile zu entwickeln, dem Gründerzeithistorismus etwas bahnbrechend Neues entgegenzusetzen und ihn dadurch allmählich zu überwinden. Die wirksamsten und erfolgreichsten Architekturströmungen dieser Zeit waren der Jugendstil einerseits und die Reformarchitektur (HOFER 2005) andererseits. Beiden Richtungen gelang es, eine jeweils eigenständige, neuartige Stilbildung zu entwickeln. Der Jugendstil löste die historisch geprägte Formensprache und die stark geometrische Linienführung auf. Kurvige Linien, von biologischen, sogar menschlichen Formen inspiriert, konnten sich frei wuchernd entfalten. Andererseits blieb der Jugendstil auch traditionalistisch, indem die Grundstrukturen der Grundrisse und Fassaden zumeist nicht angetastet wurden. So hatten Jugendstileinflüsse zumeist nur dekorative Funktion bzw. verwirklichten sich in der Gestaltung von Details. Nach dem ersten Weltkrieg konnte der Jugendstil an seine Vorkriegsbedeutung nicht mehr anknüpfen. Es wurde anders gebaut. Lediglich auf dem Gebiet der Grafik behielt er noch Bedeutung. WIKIPEDIA: Stichwort Jugendstil, 2012

Der Reformstil wurde maßgeblich von der Heimatschutzbewegung und vom Werkbund inspiriert. Vom Heimatschutz kam die Idee, regionale Besonderheiten in Formgebung und Materialverwendung starker zu betonen und Einflüsse ländlichen Bauens einzubeziehen. Der Deutsche Werkbund, gegründet 1907, war bestrebt, in Architektur und Formgestaltung einen modernen neuen Stil des XX. Jahrhunderts zu schaffen. Gerade Linien, maßvolles Dekor, keine Theatralik, sondern Einfachheit, Einbeziehung glatter Flächen in die Gestaltung, Zurückdrängung des unverputzten Backsteins zugunsten verputzter Fassaden, das waren einige der neuartigen Tendenzen des Werkbundes. Es entstand durchaus ein  eigenständiger Stil, der nicht nur Siedlungshauser hervorbrachte, sondern auch monumentale, repräsentative Bauwerke wie den Leipziger Hauptbahnhof prägte. WIKIPEDIA: Stichwort Reformarchitektur, 2012

Der Jugendstil wie auch der Reformstil haben in Greiz deutlich wahrnehmbare und sehenswerte Spuren hinterlassen. Man ging auch beim Bauen in Greiz mit der Zeit mit, verschloss sich nicht modernen  Anregungen und schuf zukunftsweisende Gebäude. Damit ging die Wirkung des Gründerzeitstils unwiderruflich zu Ende. Mit Ende des I. Weltkrieges und Abschaffung der Monarchie gab es keine Neuschöpfung im Gründerzeitstil mehr. Es begann eine lange Zeit, in der der Gründerzeithistorismus als altmodisch, überladen, unschön und wenig kreativ angesehen wurde. Diese Abwertung hatte durchaus ihre positive Funktion im Prozess der Hinwendung zu Neuem. Nachdem hundert Jahre vergangen sind, ist freilich die Zeit gekommen, auch die positiven Leistungen des Gründerzeithistorismus anzuerkennen und zu bewahren. Das bedeutet nicht, den Jugendstil und den Reformstil gering zu schätzen. Deshalb zeigen wir hier auch einige Beispiele dieser seinerzeit neuartigen Schöpfungen, die die Entwicklung voranbrachten in Richtung Moderne.

Quellen:
HOFER, Sigrid: Reformarchitektur 1900-1918. Stuttgart 2005
WIKIPEDIA: Stichwort Reformarchitektur, 2012
WIKIPEDIA: Stichwort Jugendstil, 2012