Offene Gräßlitz

Die Gräßlitz, ein kleiner Nebenfluss der Elster, floss ursprünglich, vom Aubachtal kommend, für alle Welt sichtbar und das Greizer Stadtbild belebend durch die Innenstadt von Greiz und mündete in Nähe des Elsterübergangs der früheren Heinrichbrücke, jetzt Friedensbrücke, in die Elster.
Zum Schutz vor Hochwasser und auch um die Durchlässigkeit der Altstadtstraßen zu verbessern, verlegte man die Mündung der Gräßlitz Flussaufwärts, so dass sie ihre Wasser unter Umgehung der Altstadt in Höhe der jetzigen Schlossbrücke in den Elsterfluss ergießt. Darüber hinaus wurde die Gräßlitz nach und nach vertunnelt. Damit verlor Greiz optisch einen reizvollen Wasserlauf, der ehemals zur Schönheit des Stadtbildes beitrug.

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Freilich hatte die Industrieansiedlung im Aubachtal dazu geführt, dass die Gräßlitz zum Abwasser wurde, so dass man sie nicht mehr gern sah.
Unser Startbild zeigt ein Bild der damaligen Idastraße, heute August-Bebel-Straße, um das Jahr 1900 mit Blick nach Osten. Wir sehen den offenen Verlauf der Gräßlitz, der sich über die gesamte Idastraße erstreckt. Links sehen wir die stattliche gründerzeitliche Bebauung der Nordseite der Straße, die heute noch vorhanden ist. Die offene Gräßlitz, die eingefasst ist und deutlich tiefer als das Straßenniveau fließt, wirkt durchaus als Bereicherung des Straßenbildes. Die Straße selbst ist breit genug, um neben dem in der Mitte fließenden Fluss beidseitig Fahrbahnen für den Verkehr aufzunehmen.
Wir zeigen weitere historische Situationsbilder vom offenen Verlauf der Gräßlitz in der damaligen Idastraße:
Blick von der heutigen Kreuzung Bebelstraße/Naumannstraße stadteinwärts. Im Hintergrund Oberes Schloss und Turm von St. Marien.

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Ansicht der Idastraße mit offener Gräßlitz, Blick stadteinwärts, Standort in Höhe des ehemaligen Volksheimes und der ehemaligen Höheren Webschule, beide Gebäude, die heute noch stehen, links im Bild

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Blick in den westlichsten Teil der Idastraße mit offener Gräßlitz, stadteinwärts gesehen

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Das westliche Ende der Idastraße, stadteinwärts mit südwestlicher Blickrichtung.

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Blick in den offenen Gräßlitzverlauf am westlichen Ende der Idastraße mit Blickrichtung West.

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Ansicht der Idastraße mit offener Gräßlitz, gesehen vom Turm der Stadtkirche St. Marien aus mit Blickrichtung Ost. Man erkennt, dass es mehrere Übergänge über die Gräßlitz gab.

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Ein weiterer Blick vom Kirchturm St. Marien zur Idastraße, der einen größeren Bildausschnitt zeigt.

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Blick vom damaligen Regentenplatz, jetzt Rathenauplatz, zur Idastraße mit der offenen Gräßlitz.

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Foto: Sammlung SCHNEIDER

Unsere Auswahl historischer Aufnahmen der Idastraße/August-Bebel-Straße hat wohl gezeigt, dass die gründerzeitliche Gestaltung der offenen Gräßlitz erhaltenswert gewesen wäre. Aber die Stadtväter entschieden anders. Der Flussverlauf wurde abgedeckt und dadurch die Fahrbahn verbreitert. Als 100 Jahre später festgestellt wurde, dass die Abdeckung instabil wurde und Erneuerungsbedarf bestand, hätte das Anlass sein können, die ganze Abdeckung noch einmal zu überdenken und vielleicht zurückzubauen. In anderen Städten geschieht das. So wurde in Berlin die teilweise abgedeckte Panke, Nebenfluss der Spree, wieder ans Tageslicht geholt und in Potsdam wurde begonnen, den zu DDR-Zeiten zugeschütteten Stadtkanal wieder freizulegen.
Wesentliches Argument dagegen war in Greiz die Verkehrssituation. Aber es gab auch einen realistischen Lösungsvorschlag zur Entlastung der Bebelstraße. KÖNIG (2005) schlug vor, eine Ortsumgehung einzurichten auf der Trasse der ehemaligen Greiz-Brunner-Eisenbahn. Das hätte nicht nur den Durchgangsverkehr aus der Bebelstraße genommen, sondern möglicherweise den aufwändigen Neubau der Schlossbrücke entbehrlich gemacht.

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Foto: Ralf KÖNIG

Indessen, die Stadtväter entschieden auch dieses Mal anders. Die Abdeckung der Gräßlitz wurde mit großem Aufwand erneuert, um auf der Bebelstraße eine breite Fahrbahn für den Durchgangsverkehr zu erhalten. Wir nahmen im Juli 2012 Gelegenheit, kurz vor Beendigung der Bauarbeiten Bilder von der Situation in der Bebelstraße aufzunehmen.
Blick in den westlichen Beginn der Bebelstraße mit Blickrichtung Ost. Die Gräßlitz ist vollständig abgedeckt. Es fehlt nur noch der neue Straßenbelag.

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Die gänzlich neu erstellte Abdeckung der Gräßlitz

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Neue Abdeckung der Gräßlitz 2

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Abdeckung der Gräßlitz mit Blick auf die Kreuzung Bebelstraße/Naumannstraße

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Blick aus der Bebelstraße zum Rathenauplatz

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Blick zum Rathenauplatz 2

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Blick aus östlicher Richtung zur Kreuzung Bebelstraße/Naumannstraße

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Die gerade fertiggestellte Abdeckung, noch ohne Straßenbelag, gewährt einen interessanten Eindruck davon, wo die offene Gräßlitz verlaufen und das Straßenbild verschönern könnte.
Mit der Erneuerung der Gräßlitzabdeckung wurde für viele Jahre die Chance vertan, das Flüsschen wieder ans Tageslicht zu holen. Es wurde eine bereits überwunden geglaubte Tendenz verwirklicht, nämlich eine autogerechte Stadt zu schaffen, die damit eines Teils ihrer originären historisch gewachsenen Individualität entkleidet wird. Wir bedauern diese kurzsichtige Entscheidung.
Wir danken Herrn Ralf König, Greiz, für die Überlassung seines Konzepts der Ortsumgehung.
Wir danken Herrn Volkmar Schneider für die Bereitstellung historischer Darstellungen der ehemals offen verlaufenden Gräßlitz aus seiner Sammlung.
Stand: September 2012

Quellen
SCHNEIDER, Volkmar: Sammlung historischer Ansichten der Stadt Greiz
KÖNIG, Ralf: Konzept der Ortsumgehung Greiz. Greiz 2005 und 2011, persönliche Mitteilung

 
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