Die Villa Hildegard in Neumühle (Elster)

Im Rahmen einer Bachelorarbeit der Hochschule Anhalt konnten viele neue Erkenntnisse über die Villa mit ihrem Villengarten gewonnen werden. Die Arbeit des Studiengangs Landschaftsarchitektur und Umweltplanung wurde von Prof. Dr. Dorothea Fischer-Leonhardt und Dr. Gottfried Rudolf betreut und beinhaltet vor allem eine gartendenkmalpflegerische Analyse. Bereits am 28.September 2012 berichtete Kathrin Schulz in der Ostthüringer Zeitung (1) über das Gebäude und die fast vergessene, aber historisch sehr wertvolle, parkähnliche Anlage. In über einem Jahr der Recherche konnten viele inhaltliche Aspekte des Artikels detailliert nachgewiesen werden und auch neue Feststellungen aufgezeigt werden. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Thematik sind auch neue Erkenntnisse über den wahrscheinlichen Schöpfer dieser Anlage.

Wenn man heute die Elsterbrücke in Neumühle überquert, so kann man kaum erahnen, dass das Gebäude auf dem nördlich gelegenen Schieferfelsen einst eine wunderschöne Villa mit Aussichtsturm war.

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(Abb. 1) Blick von der Elsterbrücke nördlich zur Villa Hildegard – Foto: Frank Reinhold, 05.05.2013

Das Objekt wirkt kühl und wenig anziehend. Das Ziegelwerk wird von einem Grauputz überdeckt und einige Fenster sind zugemauert.

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(Abb. 2) Nordwestansicht der Villa – Blick auf die Dachterrasse rechts, auf dem vorderen Teil befand sich einst der Aussichtsturm - Foto: Frank Reinhold, 24.11.2012

Instandhaltungs- und Materialprobleme waren die Hauptgründe dafür, wie Julia Neumann, jetzige Besitzerin der Villa, berichtete. Das Sommerhaus wurde um 1871 vom Reußischen Hofbäckermeister Robert Oettel im Stil des Gründerzeithistorismus erbaut. (2)

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(Abb. 3) Aufnahme der Villa Hildegard um 1900 – Sammlung Julia Neumann

Die Gartenanlage und zahlreichen Gartenelemente waren ein Hauptgrund dafür, dass die Steinbachs, die Eltern von Julia Neumann, das Haus im Jahre 1964 in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand kauften und nach mehreren Umbaumaßnahmen 1968 einzogen. Der markante Turm wurde während dieser Umbauphasen aus Sicherheitsgründen abgerissen. (2)
Während man von dem früheren Erscheinungsbild des Villengebäudes nur noch wenig erkennen kann, fallen beim Begehen des Villengartens die einstigen Gestaltungselemente sofort ins Auge, und man kann sich noch gut vorstellen, welche Schönheit und Vielfalt dieses Objekt um 1900 ausstrahlte. Lauben schmückten den Garten und luden zum Verweilen ein.

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(Abb. 4) Die Rosenlaube – Foto: Frank Reinhold, 24.11.2012

Im südlichen Teil der Gartenanlage steht noch heute ein Laubengang. Einst war dieser mit Buntglas verziert, wie Julia Neumann aus ihrer Kindheit berichtete.

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(Abb. 5) Der Laubengang – Foto: Frank Reinhold, 24.11.2012

Figuren von Villeroy und Boch standen im Gelände. Einige sind noch heute vorhanden.

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(Abb. 9) Krug, Villeroy & Boch – Foto: Frank Reinhold, 24.11.2012

Die wohl bekanntesten Figuren des Gartens wurden in den neunziger Jahren in das Villeroy und Boch–Museum in Mettlach gegeben. Nach langer Recherche in Zusammenarbeit mit dem Unternehmensarchiv Villeroy und Boch konnten die Frauenfiguren „Frühling, Sommer, Herbst und Winter" wieder ausfindig gemacht werden. Sie wurden von 1879 bis 1930 im Werk Merzig in Serie produziert. (5)

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(Abb. 10): Die Frauenfiguren – „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“, Kopie aus dem damaligen Katalog Villeroy & Boch (5)

Neben dem Villengebäude besaß das Anwesen ein Gewächshaus und ein Gerätehaus. Beide sind noch erhalten.

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(Abb.11) Im Vordergrund das Gewächshaus, dahinter befindet sich das Gerätehaus und das Wohnhaus von Neumanns – Foto: Frank Reinhold, 05.05.2013

Eine Orangerie gab es ebenfalls. An gleicher Stelle befindet sich heute das Wohnhaus von Neumanns.2)
Neben den vielen Lauben, dem Laubengang und anderen künstlerischen Bestandteilen beeindruckt vor allem der reiche Gehölzbestand, wie man ihn hier nur vom Greizer Park kennt.

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(Abb. 6) Rundbank am Ahorn – Foto: Frank Reinhold, 24.11.2012

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(Abb. 7) Ansicht des Baumbestandes – Foto: Frank Reinhold, 05.05.2013

Markant sind dabei vor allem Blutbuche, Tulpenbaum, Kanadische Hemlock, Weymouthskiefer und ein Abendländischer Lebensbaum.

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(Abb. 12) Kanadische Hemlock, rechts – Foto: Frank Reinhold, 05.05.2013

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(Abb. 13) Abendländischer Lebensbaum – Foto: Frank Reinhold, 24.11.2012

Ein wesentlicher Abschnitt der Bachelorarbeit befasst sich mit der über Generationen hinweg gehenden Mund – zu – Mundüberlieferung, dass Eduard Petzold, bekannter Landschaftsarchitekt des 19. Jahrhunderts, die Gartenanlage geplant haben soll. (2) Nach geschichtlichen und künstlerischen Recherchen konnte nachgewiesen werden, dass es wahrscheinlicher ist, dass Petzolds Schüler, Rudolph Reinecken, Gestalter der Anlage war. (3) Mit Hilfe von Vergleichsobjekten wurde dies dargelegt. Reinecken, der viele Anlagen in Greiz und Umgebung plante, besaß eine gewisse künstlerische Handschrift, die man auch an seinen Gartenanlagen, wie am Arnold-Stift und an der Villa Ernst-Arnold erkennen kann.

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(Abb. 14) Arnoldstift, gestaltete Hanglage - Foto: Dr. Rudolf

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(Abb. 15) Gartenanlage der Villa Ernst-Arnold - Foto: Frank Reinhold, 10.05.2013

Des weiten wurde der Park von Berga und natürlich der Greizer Park bewusst zur Gegenüberstellung herangezogen, da diese auch heute noch in einem teils sehr guten Zustand sind.

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(Abb. 16) Park von Berga - Foto: Frank Reinhold, 18.10.2013

Vergleichsmerkmale wie zum Beispiel das engmaschige Wegesystem oder kurzsichtige Blickachsen sind hierbei markante Stilelemente.

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(Abb. 17) Entree Villa Arnold, Blick von Villa zur Straße, Sammlung Knüpp, Greizer Begegnungen, s.o., S.35 (erhalten von Dr. Rudolf)
Eine Baumallee verhindert die weiträumige Sicht und schafft eine private Atmosphäre.

Des Weiteren ließ Reinecken bevorzugt eine bestimmte Auswahl an Gehölzen pflanzen, die teilweise noch heute die Gärten schmücken.
So wie diese Anlagen heute noch bestehen, sollte auch der Villengarten Hildegard erhalten bleiben.

„Der über einhundert Jahre alte Garten mutet heute geheimnisvoll an. Auf den ersten Blick ist keine klare Konzeption zu erkennen. Aber bei näherer Betrachtung werden die ursprünglichen gestalterischen Merkmale deutlich. Der Schöpfer dieser Anlage verband mit Hilfe eines gut durchdachten Wegesystems die Gestaltungselemente und Bäume.“ (3)

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(Abb. 8) Neumühle – Knottengrund 1930, Sammlung Edgar Schwarz (4)

Der historische Wert des Villenparks darf nicht in Vergessenheit geraten und ist ein Zeitzeuge vergangenen Reichtums in Neumühle. Die Verdienste Reineckens aus dieser Zeit in Greiz und Umgebung wurden bislang leider noch nicht ausreichend dargelegt.

Quellen:
(1) SCHULZ, Kathrin: Grünes Kleinod im Verborgenen. In: Ostthüringer
Zeitung O AGR 2, OTZ vom 27.09.2012
(2) NEUMANN, Julia: aktuelle Eigentümerin der Villa Hildegard –
Tochter von Steinbachs - seit 1964 in Familienbesitz
mündliche Überlieferungen [September 2012 bis Mai 2013]
Dias und Fotos der Villa Hildegard [eigener Bestand]
Kaufvertrag von 1908 [Familienbesitz]
(3) REINHOLD, Frank: Die Villa Hildegard – eine gartendenkmalpflegerische Untersuchung -, S. 111, 2014,  Bachelorarbeit der Hochschule Anhalt (FH)
Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung, 1. Gutachter: Frau Prof. Dr. Dorothea Fischer-Leonhardt
(4) SCHWARZ, Edgar: Ortschronist von Neumühle (Elster) –
historische Aufzeichnungen, schriftliche Überlieferungen [November 2012 bis April 2013]
(5) MÜLLER, Agnes, Villeroy und Boch AG Hauptverwaltung
[Abteilung: Unternehmensarchiv]

Einige weitere Quellen der Bachelorarbeit:
* DR. RUDOLF, Gottfried: Autor der Internetseite:
http://greiz-gruenderzeit.de [Online; Stand 27.11.2013 ]
* ROHDE, Michael: Von Muskau bis Konstantinopel, S. 180-
184, 1998, Verlag der Kunst Dresden, ISBN 90-5705-119-2


Stand März 2014
Gastautor: Frank Reinhold, Teichwolframsdorf

Wir danken Herrn Frank Reinhold herzlich, dass er seinen sehr interessanten Beitrag über den Garten der Villa Hildegard in Neumühle (Elster) für unsere Website zur Verfügung gestellt hat. (G. Rudolf)

Wir zeigen noch eine historische Ansichtskarte von Neumühle aus dem Jahre 1910. Links im Vordergrund ist Villa Hildegard mit Villengarten zu sehen. In malerischer Umgebung bietet Villa Hildegard einen märchenhaften Anblick. Die gärtnerischen Baumpflanzungen haben bereits an Höhe und Fülle gewonnen.

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Bild: Historische Postkarte 1910, Neumühle (Elster), Sammlung Buschner

Villa und Garten in näherer Ansicht

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Bild: Historische Postkarte 1910, Neumühle (Elster), Ausschnitt, Sammlung Buschner

Wir danken Frau Erika Buschner für die Bereitstellung der historischen Ansichtskarte
Quelle: Sammlung Erika Buschner, Neumühle (Elster)

Stand Juli 2014

 
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