(3.1.2)  Ehemaliges Blindenheim Königs Wusterhausen

Anschrift: Königs Wusterhausen, Luckenwalder Straße 64
Errichtet als: Heim für deutsche Blinde
Baujahr: 1899-1901
Bauherr und ursprünglicher Träger: Hermann-Schmidt-Stiftung
Finanzielle Grundlage: Vermächtnis des Hamburger Kaufmanns Hermann Wilhelm Schmidt und seiner Ehefrau Caroline Anna Schmidt. (MEIXNER 2014) Die Eheleute hatten 1889 in einem gemeinsamen Testament verfügt, dass die Hälfte ihres Nachlasses für eine Blindenanstalt verwendet werden solle. (MEIXNER 2014)
Protektor des Heimes und Stifter des Baugrunds aus dem kaiserlichen Hofkammergut: Kaiser Wilhelm II.
Architekt: Gotthilf Ludwig Möckel 1838-1915
Jetzige Nutzung: Brandenburgische Schule für Blinde und Sehbehinderte Königs Wusterhausen

Außenansicht 

Der Gebäudekomplex liegt auf einem weitläufigen Gelände.


Das Grundstück ist von einer stattlichen alten Einfriedung umgeben.

Wir sehen gemauerte Backsteinsäulen mit glasierten Abdeckungen und schmiedeeiserne Zaunfelder.

Mehrere Tore erschließen das Gelände: linkes Tor,

mittleres Tor,

rechtes Tor.

Die Gestaltung der Mosaikinschrift „Feierabendhaus für Blinde“ ist bereits vom Jugendstil geprägt,

obwohl das Tor selbst wie auch der gesamte Gebäudekomplex stilistisch maßgeblich der Gründerzeit zuzuordnen sind.


Der Name „Hermann-Schmidt-Stiftung“ prangt an der Fassade des Hauptgebäudes, über dem Hauptportal.Die Schriftgestaltung hier ist noch gründerzeitlich.

Wir sehen uns nun eine Reihe von Details der großartigen Anlage an.

Mittelrisalit des Hauptgebäudes. Wir sehen die Verbindung von Backstein, Mauerwerk und Fachwerk.

Mosaikarbeiten über dem Hauptportal

Die beiden mittleren Mosaiken über dem Hauptportal zeigen die Stifterfiguren Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria.

Unterbau einer Terrasse

Fachwerkgiebel

Runderker

Erkerfuß

Dreizügiges Fenster

Mansardenfenster

Schmiedearbeiten am Hauptportal

Kunstgeschmiedete Türbänder.

Balkon über dem Hauptportal, im Hintergrund Mosaiken

Runderker mit Mosaik

Hauptportal mit Freitreppe

Mittelrisalit aus seitlicher Sicht

Gesamtansicht von links, man lasse den Anblick der schlossartigen Anlage auf sich wirken

Nebengebäude links

Detail der Seitenfront des Hauptgebäudes

Verbindungsgang zwischen Hauptgebäude und Torhaus links

Torhaus mit schmückenden Eisenbänder


Mansardenfenster am Nebengebäude, sorgfältige Zimmermannsarbeit an den Fenstern wie auch am Fachwerk


Giebel des Nebengebäudes

Nebengebäude, Torhaus und Seitenfront des Hauptgebäudes

Formschöne Fensteröffnung an einem Nebengebäude

Fassadendetails Nebengebäude

Kleiner Fachwerkgiebel

Großer Fachwerkgiebel

Nebenpforte

Rückfront des Hauptgebäudes, vom Innenhof her gesehen

Gebälk eines Verbindungsganges mit sorgsam gemauertem Dienst 

Eisernes Türband

Fassadendetail

Nebengebäude,

auch der Schornstein ist original gründerzeitlich gestaltet.


Dachdetail mit Schornstein

Freitragende Freitreppe am Hauptportal von der Seite

Schmiedeeiserne Verzierung an der Freitreppe

Weinrebenmosaiken an den beiden Runderkern

Kleiner Altan, die Balustrade sowie das Eckpostament sind reich mit Formsteinen geschmückt

Terrasse mit schmiedeeisernem Geländer und Stützpfeiler

Detail der Fassade mit Stiftermosaik 1

Detail der Fassade mit Stiftermosaik 2

Seitlicher Altan

Postament an einem Altan

Detail des Sockels am Eingang

Hauptgebäude aus südöstlicher Richtung

Westlicher Altan am Mittelrisalit

Balustrade des Altans

Abschließend kann gesagt werden, dass der Gebäudekomplex der „Hermann-Schmidt-Stiftung“ in seiner prachtvollen architektonischen Ausgestaltung im Stil der Spätphase der Gründerzeit eine hervorragende Sehenswürdigkeit Königs Wusterhausens darstellt. Sie kann ohne weiteres mit dem Schloss König Friedrich Wilhelms I., das Altministerpräsident Stolpe einmal treffend als „urig“ bezeichnete, konkurrieren. Leider wird die Stiftung von Besuchern der Stadt zumeist nicht wahrgenommen. Das sollte sich ändern.
Der Gebäudekomplex der Stiftung wurde restauriert und befindet sich in präsentablen baulichem Zustand. Neben dem reichen Gebäudeschmuck, der die Anlage einem Schloss vergleichbar macht, fällt ins Auge, dass überall edelste Materialien verwendet wurden, die die Zeiten gut überdauert haben. So zeigen namentlich die Backsteine kaum Verwitterungsspuren. Nach der Reinigung wirken sie wie neu.

 

 

 

 

 

 

 

 

Innenansichten 

Wir können nunmehr mit freundlicher Genehmigung der Leitung der Blindenschule auch Bilder aus dem Inneren des Gebäudes zeigen.


Haupteingang von innen

Füllungsgitter des Hauptportals

Füllungsgitter in Nahaufnahme

Oberlicht und Kreuzgewölbe über dem Portal

Teil des Oberlichts des Portals und Seitenwand der Eingangshalle

Dienst einer Gewölberippe

Seitliche Fenster der Eingangshalle

Oberer Teil der Fenster

Unterer Teil der Fenster

Unterste Stufe des Aufgangs in der Eingangshalle

Linker Arm des hufeisenförmigen Treppenaufgangs

Geländer des Treppenpodests

Nahaufnahme des Geländers

Detail des schmiedeeisernen Geländers 1

Detail des schmiedeeisernen Geländers 2

Gewölberippe

Kreuzgewölbe der Eingangshalle

Schlussstein des Kreuzgewölbes

Detail 1 der Tür von der Eingangshalle zum Flur der ersten Etage

Detail der Tür 2

Detail der Tür 3

Oberlicht der Tür mit einfacher Bleiverglasung frontal von unten

Oberlicht schräg von unten

Westliches Rundfenster des früheren Speisesaals, Außenansicht

Rundfenster mit Birnendekor im früheren Speisesaal, Innenansicht

Rundfenster mit Apfeldekor

Rundfenster mit Weintraubendekor

Partie der Fensteranlage im früheren Speisesaal. Unten sind große lange Fenster mit Klarglasscheiben zu sehen. Darüber befinden sich als Oberlichter die farbig bleiverglasten Rundfenster.
An den Rundfenstern im früheren Speisesaal haben sich glücklicherweise diese farbigen Bleiverglasungen erhalten, die man sonst im ganzen Haus kaum noch findet. Man muss davon ausgehen, dass zur Entstehungszeit des Blindenheims viel mehr Fenster derartig geschmückt waren. Der Speisesaal birgt somit einen besonders raren und wertvollen Schatz.

Mauerdetail 1 im Flur der ersten Etage

Mauerdetail 2

Mauerdetail 3

Mauerdetail 4

Mauerdetail 5

Fensteraufhängung

Fensterverriegelung

Fenstergriff

Aufgang zum zweiten Obergeschoss

Geländer des Treppenabsatzes im zweiten Obergeschoss

Detail des Geländers

Arkade und Säule im zweiten Obergeschoss

Arkade schräg gesehen

Säulenkapitell unter den Arkaden

Säulenkapitell in Nahaufnahme. Man sieht, dass der Backstein getönt wurde. Besser wäre es gewesen, die gereinigte natürliche Farbe des Backsteins wirken zu lassen. Trotzdem ist es ein Anlass zur Freude, dass diese schönen Bauteile erhalten geblieben sind.

Tür zur Aula mit schmiedeeisernen Beschlägen

Kunstgeschmiedetes eisernes Band an der Aufhängung der Tür zur Aula

Die Aula von der Empore über der Bühne aus gesehen. Die Aula ist ein großer festlicher Saal im zweiten Obergeschoss. Sie liegt über dem zentralen Hauptportal und hat Fenster zur südlichen Straßenseite und zur nördlichen Hofseite (hier im Bild). Die Dachschräge wird in die Gestaltung des Saales einbezogen.

Das nördliche Saalende mit der Fensterwand, dem Innenhof zugewandt, von der Empore aus gesehen.

Decke des Saales mit den Dachschrägen, die oberen Fenster der Nordwand

Saaldecke mit Kronleuchter

Nördliche Fensterwand

Rundfenster

Nordostecke des Saales 

Fenster an der Westwand

Fenster an der Ostwand

Fensterbogen und rundes Blendfenster

Östlicher Saaleingang von innen

Türbogen und rundes Blendfenster über der Tür

Dienst für das Gebälk und Spitzbogen über dem östlichen Bühnenzugang

Teil des Bühnenzugangs

Dienst mit floralem Schmuck 1

Dienst mit floralem Schmuck 2

Fensterdetail der Nordwand

Fensterpartie Nordwand

Empore an der Südwand über der Bühne 1

Empore an der Südwand über der Bühne 2

Detail des Gebälks

Gebälk und Stabilisierungsanker

Gebälk und Dachschräge

Blick zur Empore frontal

Blick zur Empore schräg

Schräge Saaldecke und Lüster

Partie der Saaldecke

Detail der Bemalung der hölzernen Saaldecke 1

Detail der Bemalung der hölzernen Saaldecke 2

Detail der Bemalung der hölzernen Saaldecke 3

Blick zur Saaldecke 1

Blick zur Saaldecke 2

Innenansicht Teil 2

Zu ebener Erde sind die einzelnen Gebäude durch Verbindungsgänge miteinander verbunden.


Fensterreihe eines Verbindungsganges mit Backsteineinfassung

Decke eines Verbindungsganges. Das Gebälk ist frei sichtbar.

Teil eines Fensters und gemauerter Dienst des Gebälks

Gemauerter Dienst

Fenster in näherer Sicht

Fenster mit Backsteineinfassung in frontaler Sicht

Großer Fensterbogen

Tür mit Füllungsgittern schräg gesehen

Füllungsgitter frontal

Blick in einen Verbindungsgang mit großem Außentor

Innentür im Verbindungsgang

Aufhängung der Innentür

Rotunde der Verbindungsgänge, Balkendecke 1

Rotunde der Verbindungsgänge, Balkendecke 2

Rotunde der Verbindungsgänge, Balkendecke 3

Einmündung eines Verbindungsganges in die Rotunde

Verbindungsgang

Verbindungsgang mit Biegung

Blick in eine Rotunde der Verbindungsgänge

Fußboden der Rotunde

Dachkonstruktion in der Biegung eines Verbindungsganges

Gemauerter Dienst des Gebälks

Verschraubung eines Türrahmens gestaltet als Rosette

Verschraubungsrosette in Nahaufnahme

Langer Verbindungsgang

Flur im Erdgeschoss des Hauses

Detail des gemauerten Dekors im Erdgeschoss. Die Backsteine wurden übermalt.

Einfassung einer Tür im Erdgeschoss

Oberer Teil einer Tür

Verschraubungsrosette

Treppenaufgang 1

Treppenaufgang 2

Treppenaufgang 3

Treppenaufgang 4

Treppenaufgang 5

Treppenaufgang 6

Spitzer Bogen, Durchblick zu einem Treppenhausfenster

Flur in der ersten Etage

Blick zu den Wölbungen im Flur

Gewölberippen

Wölbungen

Oberlicht einer Innentür 1

Oberlicht einer Innentür 2

Kleine schmale Fenster 1

Kleine schmale Fenster 2

Kleine schmale Fenster 3

Innentür mit halbem Spitzbogen

Oberer Teil der Innentür mit Spitzbogen

Ausblicke

Aus dem Inneren der Gebäude heraus wurden Aufnahmen gemacht, die äußere Partien wiedergeben. Derartige Blicke eröffnen sich nur, wenn man Zugang zu den Gebäuden hat.

Blick aus einem Verbindungsgang zum Hauptgebäude und in den Innenhof. In der Mitte der zentrale Hauptrisalit seitlich gesehen. Man erkennt westliche Fenster des ehemaligen Speisesaales und darüber der Aula.

Blick aus einem Verbindungsgang zu einem anderen Teil des Verbindungsganges mit Tür zum Innenhof.

Tür zum Innenhof in näherer Sicht

Blick zur südlichen Seite des Innenhofes. Wir sehen die Rückfront des Hauptgebäudes

Der zentrale Hauptrisalit der Rückfront. Im ersten Obergeschoss sind die Rundfenster des ehemaligen Speisesaales zu sehen. Darüber die Fensteranlage der Aula.

Blick zur südöstlichen Seite des Innenhofes

Blick zur südwestlichen Seite des Innenhofes

Stützpfeiler an einer Außenwand

Detail eines Stützpfeilers

Image

Rotunde der Verbindungsgänge von außen

Blick aus dem Hauptgebäude nach Norden in den Innenhof. Frontal ist der Nordtrakt zu sehen. Beidseitig sind die flachen Verbindungsgänge zu erkennen.

Blick vom Hauptgebäude zur nordöstlichen Seite des Innenhofes. In der Mitte des Bildes eine Rotunde der Verbindungsgänge.

Dachregion des Nordtraktes

Giebel des Nordtraktes mit Zierankern

Blick aus den Südfenstern zur Straße und zum Vorplatz des Hauptgebäudes

Eingangstor von der Aula gesehen

Blick von innen zur östlichen Seitenwand des Hauptrisaliten

Östliche Seitenwand des Hauptrisaliten

Feierabendhaus für Blinde

Anschrift: Königs Wusterhausen, Luckenwalder Straße 64
Baujahr: 1910/11
Bauherr: Ferdinand-Warburg-Stiftung
Jetzige Nutzung: SFZ Förderzentrum gGmbH, Internat für Sehgeschädigte

Östlich des Gebäudekomplexes des Blindenheimes steht auf dem gleichen weiträumigen Grundstück ein größeres Gründerzeitgebäude unabhängig vom ehemaligen Blindenheim. Es ist das Feierabendhaus für Blinde.
Das Haus wurde von einer Stiftung erbaut und betrieben, die von dem Berliner Firmenbesitzer und Bankier Ferdinand S. Warburg (1844-1924) errichtet worden war. Das Erbbegräbnis der Familie Ferdinand Warburg befindet sich auf dem Friedhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde Berlin-Westend.

Erbbegräbnis der Familie Ferdinand Warburg

Inschrift im Giebel des Grabmals

Trauernde mit Lyra vom Erbbegräbnis Warburg, geschaffen von Hans Dammann (1857-1942)

Inschrift für Ferdinand S. Warburg

Auch für das Feierabendhaus für Blinde gilt, dass das Kaiserpaar Wilhelm II. und Auguste Victoria als Förderer fungierten, indem sie den Baugrund aus den Ländereien des kaiserlichen Hofkammergutes Königs Wusterhausen zur Verfügung stellten.
Betrachten wir nunmehr das Gebäude, das gegenwärtig als Internat für die Blindenschule dient, näher.


Großes Tor zum Gelände des Feierabendhauses

Mosaiktafel mit der Bezeichnung der Einrichtung über dem Tor

Südliche Fassade zur Straße hin

Feierabendhaus mit der Einfriedung zur Luckenwalder Straße

Mittelrisalit mit Terrasse im Obergeschoss

Schornstein westlich des Mittelrisaliten

Schornstein in näherer Aufnahme

Östlicher Seitenflügel mit Veranda im Parterre

Mittelrisalit und östlicher Seitenflügel

Ostfassade

Westfassade

Erker an der Westfassade

Verkoppelte Fenster unter dem Erker

Fachwerkgiebel der Westfassade

Detail des Fachwerks

Veranda an der Südwestkante des Gebäudes

Terrasse des Mittelrisaliten, darunter Portal mit Freitreppe

Giebel über der Terrasse aus südwestlicher Richtung gesehen

Ostflügel und Verbindungstrakt

Schornstein des östlichen Verbindungstraktes

Hauptportal aus Südwest

Hauptportal frontal

Obwohl das Feierabendheim für Blinde zu einem Zeitpunkt errichtet wurde, als der Einfluss des Gründerzeitstils seinem Ende zuging (1910/11), als andere neue Stile, namentlich Jugendstil und Werkbundstil bereits Einzug gehalten hatten, ist dieses prachtvolle Gebäude noch ganz von der Gründerzeit geprägt. Der Übergang zu neuen Formen ist am ehesten darin zu sehen, dass die Fassaden zurückhaltend dekoriert sind, gerade Linien dominieren und der Eindruck einer schlichten Eleganz entsteht. An wenigen Stellen ist aber doch schon das Anklingen des Jugendstils zu erkennen. Wir haben schon auf das Mosaik über dem Eingangstor hingewiesen. Ein zweites Beispiel ist die Wölbung über dem Hauptportal, die eine neuartige, in die Zukunft weisende Formgebung aufweist.


Portal in Nahaufnahme

Wölbung über dem Portal

Detail des geschweiften Bogens

Giebel des Mittelrisaliten

Fensteranlage des Giebels

 

Die Anordnung der runden Blendfenster zitiert die Gestaltung der Fensteranlage der Aula im nördlichen Hauptgiebel des ehemaligen Blindenheimes.

Verkoppelte Fenster links neben dem Hauptportal des Feierabendhauses

Oberlichter der verkoppelten Fenster mit gemeinsamem Entlastungsbogen

Das Gebäude des Feierabendheimes für Blinde steht zwar etwas im Schatten des Hauptgebäudes des Blindenheimes, das mit seiner Prachtentfaltung eindeutig im Gebäudeensemble dominiert, aber auch das Feierabendhaus ist ein bemerkenswertes Gründerzeitgebäude, geprägt durch eine eigenständige baukünstlerische Handschrift.

Historisches

Der Hamburger Großhandelskaufmann Hermann Wilhelm Schmidt und seine Ehefrau Caroline Anna stifteten in einem Vermächtnis im Jahre 1889 einen Beitrag von 500.000 Mark für wohltätige Zwecke. Auf dieser finanziellen Grundlage entstand die Hermann-Schmidt-Stiftung. Sie errichtete die Baulichkeiten des „Heimes für deutsche Blinde“ und betrieb als Träger diese soziale Einrichtung. Der Name der Stiftung prangt deshalb an der Fassade des Hauptgebäudes. Die Aufschrift hat die Zeiten überdauert, obwohl das Heim für Blinde nicht mehr besteht und die Baulichkeiten im Laufe der Zeit verschiedene Nutzungen dienten.

Das Kaiserpaar Wilhelm II. und Auguste Viktoria förderte das Bauvorhaben, indem es aus dem Kaiserlichen Hofkammergut Königs Wusterhausen ein Grundstück von 25.000 m² als Baugrund zur Verfügung stellte. Kaiser Wilhelm II. übernahm außerdem das Protektorat (Schirmherrschaft) für die Blindeneinrichtung. Deshalb sind der Kaiser und die Kaiserin auf der Fassade als Stifterfiguren dargestellt. Die Mosaiken mit den beiden Figuren sind noch gut erhalten.


Die beiden Stifterfiguren über dem Hauptportal

Die Stifterfiguren in näherer Aufnahme

Kaiser Wilhelm II., dessen Gesichtszüge gut zu erkennen sind wird als mittelalterlicher Herrscher mit Rüstung und Schwert dargestellt. In seiner Rechten trägt er wie bei Stifterfiguren üblich ein Modell des Blindenheimes.

Oberer Teil des Kaisermosaiks

Auch Kaiserin Auguste Viktoria wird als mittelalterliche Herrscherin abgebildet. Im Arm trägt sie Rosen, von denen sie eine darreicht.

Oberer Teil des Porträts der Kaiserin. Die Rosen im Arm der Kaiserin sind ein Symbol der Mildtätigkeit und sozialen Gesinnung. Damit wird an das Rosenwunder der Heiligen Elisabeth von Thüringen erinnert. Der Legende nach verwandelte sich das Brot, welches sie Notleidenden darreichen wollte, in Rosen, als sie sich für ihre ungewöhnliche Freigiebigkeit rechtfertigen sollte.

Sicherlich ist es gewagt, mit Blick auf Kaiserin Auguste Viktoria an Elisabeth von Thüringen zu erinnern. Tatsache ist allerdings, dass die Kaiserin in besonderem Maße auf sozialem Gebiet engagiert war. Sie förderte die Errichtung von sozialen Einrichtungen, von Schulen und Kirchen. Noch heute trägt in Deutschland manches Krankenhaus ihren Namen. Auch auf dem Gebiet des Blindenwesens war sie nicht nur in Königs Wusterhausen engagiert.

Foto: Sammlung Rudolf

Kaiserin Auguste Viktoria übernahm zum Beispiel das Protektorat über die Blindenanstalt in Neuwied und verlieh ihr ihren Namen. Da ein Mitglied des Kaiserhauses die Schirmherrschaft innehatte, prangte auf der Fassade der Kaiserliche Adler.

Weil der Kaiser Protektor für das Blindenheim in Königs Wusterhausen war, würde man erwarten, dass auch hier auf der Fassade der Reichsadler zu sehen ist. Zwar fanden wir das Kaiserpaar als Stifterfiguren, nicht aber das Wappenzeichen. Es hat wohl die wechselhafte Geschichte des Hauses nicht überstanden.

Foto: Blindenschule, Chronik

Wir können dem soeben gezeigten Bild noch mehr entnehmen. Wir sehen auf dem Dachfirst über dem Hauptportal einen Aufsatz, der wie eine Aussichtskanzel wirkt. Es ist der Stumpf eines Dachreiters. Auf dem historischen Foto erkennen wir den Dachreiter mit seiner hohen spitzen Haube. Der ehemalige Dachreiter hatte eine wichtige Funktion für die Proportionen des Hauptgebäudes der Blindenschule. Er trug wesentlich zum großartigen Erscheinungsbild des gesamten Gebäudekomplexes bei. Es wäre deshalb nicht unwichtig, die hohe Haube in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederherzustellen.

Bild: Sammlung Rudolf

Wir zeigen eine weitere historische Aufnahme. Sie bestätigt den Befund des vorhergehenden Bildes:

Foto: Sammlung Rudolf

Gottfried Ludwig Möckel (1838-1915) war der Architekt des von der Hermann-Schmidt-Stiftung errichteten ehemaligem Landesblindenheimes Königs Wusterhausen. Er war zu seiner Zeit ein angesehener und viel beschäftigter Architekt. Stilistisch war er ein Vertreter des Gründerzeithistorismus. Er schuf zahlreiche Gründerzeitgebäude in ganz Deutschland, darunter viele Kirchen. Wir nennen exemplarisch die Villa Möckel, Dresden-Südvorstadt, Leubitzer Straße 28, die Erlöserkirche Potsdam, Nansenstraße, das Gymnasium in Bad Doberan, die Samariterkirche Berlin-Friedrichshain, Samariterstraße. Eines der prachtvollsten von Möckel errichteten Gebäude ist das Ständehaus Rostock, erbaut 1889-1893, heute Oberlandesgericht.

Wir zeigen einige Aufnahmen dieses Werkes von Möckel:

Ständehaus Rostock, Fassade Wallstraße

Ständehaus Rostock, Treppenaufgang mit bleiverglastem Fenster

Ständehaus Rostock, Lichthof mit Galerien

Image

Königs Wusterhausen kann mit Stolz vermerken, dass es in Gestalt des ehemaligen Landblindenheimes ein bedeutendes architektonisches Werk Möckels in seinem Stadtgebiet beherbergt. Die jetzige Blindenschule ist zweifellos neben dem ehemaligen Jagdschloss die bedeutendste bauliche Sehenswürdigkeit, die Königs Wusterhausen zu bieten hat.

Quellen: 
MEIXNER, Cathrin (Hrsg.): Frauen in Königs Wusterhausen, Königs Wusterhausen 2014
RUDOLF, Gottfried: Sammlung Rudolf,2014
Webseite Brandenburgische Schule für Blinde und Sehbehinderte Königs Wusterhausen 2011, Stichwort Schule Chronik
Karl-Heinz BARTH: Gotthold Ludwig Möckel, Parthas Verlag, Berlin 2001
Wikipedia, Stichwort Brandenburgische Schule für Blinde, 2011
Wikipedia, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Friedhof, Grab Warburg, 2011
Wikipedia, Graves, Ferdinand Warburg 2011
Wikipedia, Auguste Viktoria, 2011

Wir danken Frau Diana Zehl, stellvertretende Direktorin der Brandenburgischen Schule Blinde und Sehbehinderte, für wertvolle Hinweise und die Erlaubnis, im Inneren der Gebäude Aufnahmen machen zu können.