(2.10.12)  Haus Tivoli

Anschrift: Greiz, Bernhard-Stavenhagen-Straße 3
Baujahr: 1892
Bauherr: Albert Meinicke
Architekt und Baumeister: Wilhelm Jesumann, Greiz, Maurermeister
Jesumann errichtete u.a. Villa Carl Günther, Carolinenstraße 63 und Haus W. Schilbach, Carolinenstraße 19


Haus Tivoli, die Speisewirtschaft in der ehemaligen Augasse, jetzt Stavenhagenstraße,
war Veranstaltungshaus, Stätte von Theater- und Konzertdarbietungen.

Foto: Sammlung Schneider

Das Hauptgebäude des Tivoli hatte eine schöne, repräsentative, gründerzeitliche Fassade.
Sie wurde während der DDR-Zeit, als das Gebäude Theater und Kulturhaus war, umgebaut und geglättet. Wir sind in der erfreulichen Lage, ein historisches Foto vom ursprünglichen Aussehen der Fassade des Hauses Tivoli präsentieren zu können. Wir sehen eine eindrucksvolle gründerzeitliche Fassadengestaltung, die nur gestört wird durch ein vorspringendes Nachbarhaus auf der linken Seite. Das Parterre ist mit großen Ritzblöcken verkleidet.
Das Obergeschoss wird von überdimensionalen Rundbogenfenstern beherrscht. Die Außenwand des Obergeschosses ist mit Backstein verkleidet. Die Abgrenzung zum Parterre gewährleistet ein Fassadensims. Die Fenster sind aufwändig mit Sandsteindekor eingefasst: Fensterbrüstungen, Pilaster, Verdachungen.
Es ist schmerzlich festzustellen, dass diese großartige Fassade aus dem Stadtbild von Greiz unwiederbringlich verschwunden ist.

Foto: Sammlung Schneider

Eine nähere Ansicht des Obergeschosses vermittelt  einen Eindruck von der Wirkung, die das Haus Tivoli auf den Besucher ausgeübt haben muss.
Der gegenwärtige Zustand ist beklagenswert. Vom ursprünglichen Gründerzeitdekor ist nicht mehr viel zu sehen. Im Bereich des Hauptgesimses und darüber erkennen wir aber noch einige Reste.


Verkoppelte Mansardenfenster mit Sandsteineinfassung und Verdachung, darunter die Jahreszahltafel mit der Zahl 1892, flankiert von Festons. Diese aus edlem Material gefertigte Anlage vermittelt einen Eindruck vom Aussehen der früheren Fassade, die leider als verloren betrachtet werden muss.


Jahreszahltafel


Feston, darüber Gebälk des Hauptgesimses, rechts Konsole


Mansardenfenster

Wir bedauern sehr, dass nicht mehr von der Tivoli-Fassade erhalten geblieben ist. Falsch verstandenes Modernisierungsstreben hat hier traurige Spuren hinterlassen.

Kleiner Saal

Im Inneren des Gebäudes, das ebenfalls wie die Fassade mehrere Modernisierungsetappen durchlaufen hat, hat sich ein größerer Raum, der sogenannte „Kleine Saal“ erhalten, der noch Elemente gründerzeitlicher Innenausstattung aufwies.

Zuletzt wurde der Saal bis März 2011 als Restaurant genutzt. Zur Zeit unseres Besuches im März 2011 war der Saal zum größten Teil ausgeräumt, weil das Gebäude zum Abriss vorbereitet wurde. Wir zeigen einige Details des Deckenstucks:

Man kann wohl ersehen, dass der Kleine Saal erhaltenswerte gründerzeitliche
Schönheiten aufweist.

Der Abriss

Als die neue Vogtlandhalle fertiggestellt wurde, war damit zugleich das Schicksal des alten Tivoli besiegelt. Im Jahr 2011 wurde mit dem Abriss begonnen. Wir sehen, dass am Hauptgesims die Tafel mit der Jahreszahl entnommen wurde.


Es sieht aber nicht so aus als wollte man die beiden ursprünglich recht gut
erhaltenen Festons beidseits der Jahreszahltafel ebenfalls retten.


Sicherlich war es utopisch, an die Rekonstruktion der ehemaligen Tivolifassade zu denken.
Eine enorme Bereicherung für die Greizer Neustadt wäre es freilich gewesen.
Aber man hat sich anders entschieden. Das Tivoli ist weg.
Das ist umso bedauerlicher, als mit der verschandelten Fassade auch der „Kleine Saal“ der Spitzhacke zum Opfer fiel. Der Kleine Saal war der einzige Innenraum des gesamten vielfach umgebauten Tivolikomplexes, der in Teilen der Ausschmückung mit Stuck noch original erhalten war. Man hätte versuchen können, ihn zu erhalten.
Das Problem Kleiner Saal des Tivoli in Greiz ist vergleichbar mit dem Kaisersaal des ehemaligen Grandhotels Esplanade in Berlin.

Das Grandhotel Esplanade wurde 1908 im Gründerzeitstil am Potsdamer Platz erbaut. U.a. war Kaiser Wilhelm dort des Öfteren zu Gast. Im Jahr 1944 wurde das Hotel durch Bombardierung nahezu vollständig zerstört. Einige wenige Räume blieben jedoch erhalten, u.a. der sogenannte Kaisersaal, in welchem Wilhelm II. seine Herrenabende abhielt. Diese Räumlichkeiten waren auch in den ersten Jahren nach dem Krieg benutzbar. Zur Zeit der Berliner Mauer standen sie allerdings jahrelang leer, weil sie unmittelbar im Grenzgebiet zwischen Ost- und Westberlin lagen. Als nach der Einheit Deutschlands das zerstörte Areal um den Potsdamer Platz völlig neu gestaltet werden sollte, entschloss man sich, den wertvollen verbliebenen Rest des gründerzeitlichen Hotels Esplanade, den Kaisersaal, zu erhalten, zu restaurieren und in die neue Bebauung des Potsdamer Platzes zu integrieren. Es wurde 1996 nicht der Aufwand gescheut, den Kaisersaal um 75 Meter zu verschieben.
Heute dient er unter der Anschrift Bellevuestraße 1 als  geschätzter Restaurant- und Veranstaltungssaal. Berlin, das im Krieg viele unersetzliche Gebäude verloren hat, setzte ein Zeichen und bewahrte den Kaisersaal (RIEFER 2009). 

Kaisersaal 2011

Wir zeigen den Berliner Kaisersaal in seiner heutigen Gestalt.

In Greiz entschied man sich anders. Auch für den Kleinen Saal des ehemaligen Tivoli hätte es eine Lösung geben können, um ihn zu erhalten, zumal Greiz nicht reich gesegnet ist mit schönen alten Veranstaltungsräumen. Alles, was vom alten Tivoli noch übrig war, einschließlich des wertvollen Kleines Saales wurde abgerissen.
Im Juli 2012 ist der Tivolikomplex vollständig abgerissen. Wir zeigen einige Bilder des Standortes.


Blick in Richtung Osten. Links Haus Victor Walter, rechts daneben Straßenzug Stavenhagenstraße. Im Hintergrund Grimms Lokal.


Leerer Standort Tivoli. Im Mittelpunkt nunmehr neu möglicher Blick auf Haus Victor Walter.


Leerer Standort Tivoli, im Hintergrund Grimms Lokal.


Neu möglicher Blick auf Grimms Lokal vom Abrissstandort Tivoli aus.


Blick von der Carolinenstraße in die Stavenhagenstraße auf den ehemaligen Standort Tivoli.
Im Mittelpunkt letzte Trümmersteine des Abrissgebäudes. Im Hintergrund das bisher so nicht sichtbare Justizgebäude.


Blick auf die Abrissstelle Tivoli von der Stavenhagenstraße aus mit Blickrichtung Südost.
Im Hintergrund die Brandmauer von Haus Carolinenstraße 5.


Blick über die Abrissstelle in Richtung Südost


Abrissstelle in Richtung West mit Trümmerhaufen. Links das Justizgebäude,
rechts nördliche Bebauung der Stavenhagenstraße.

Wir zeigen abschließend historische Abbildungen des Hauses Tivoli um 1900.

Foto: Arenhövel 2008

Gesamtansicht des Tivolikomplexes: Links Empfangsgebäude und Speisewirtschaft, rechts folgend Großer Saal, Garten und Konzertpavillon

Foto: Arenhövel 2008

Das Innere des Großen Saales mit Emporen

Foto: Arenhövel 2008

Der Gesellschaftssaal – „Kleiner Saal“. Er war in seiner Grundsubstanz bis zum Abriss erhalten. 

Wir bedauern, dass nicht der Versuch unternommen wurde, ihn zu erhalten.

Wir danken der Leitung der Greizer Vogtlandhalle für die Möglichkeit, einen Blick in den Kleinen Saal des Hauses Tivoli werfen zu dürfen und dort Aufnahmen anfertigen zu können.

Quellen:
Riefer, Dagmar: Kaisersaal Berlin, Malerblatt 3/2009
Faltblatt Kaisersaal – Salons am Potsdamer Platz, Berlin 2011
ArenhövelL, Winfried: Gruß aus Greiz. Die Residenzstadt auf Alten Postkarten, Sutton Verlag Erfurt, 2008, Postkarte Tivoli um 1900, S.66

Stand 2012