(2.5.209)  Haus Brösel, Carolinenstraße 27


Baujahr: 
Jetziger Besitzer: Stadt Greiz
Nutzung: Leerstand
Unser Startbild (BLASE) zeigt ein stattliches Gebäude, das an der Westseite der Straße,
an der Einmündung der Bahnhofstraße steht und somit ein Eckhaus darstellt. Das erhöht
die beeindruckende Wirkung des eleganten Hauses.
Die Hauptfassade zur Carolinenstraße hat neun Fensterzüge und ein Obergeschoss. Die Fassade ist unterteilt in einen einzügigen Mittelrisalit, beiderseits zweizügige Verbindungstrakte und ebenfalls beidseits zweizügige Seitenrisalite. In der ersten Etage des Mittelrisalits prangt ein großartiger Balkon, der auf vier künstlerisch gestalteten Konsolen ruht und dessen Brüstung ein kunstgeschmiedetes Geländer darstellt. Der Balkon wird erschlossen durch eine prachtvoll eingefasste große, zweiflügelige Balkontür. Die Fenster des Parterres haben halbrunde Bögen, im Obergeschoss sind die recht hohen Fensteröffnungen mit waagerechten Fensterstürzen überbrückt. Die außergewöhnlich hohen Fenster der Fassade mit ihren Einfassungen unterstreichen die Wirkung der Fassade.

Haus Brösel entstand zu einem frühen Zeitpunkt der Besiedelung der Neustadt. Die Architektur des Hauses ist, abgesehen vom Balkon, vom Klassizismus geprägt.
Eduard Brösel ist der Gründer der → Firma Eduard Brösel KG, Mechanische Wollweberei Greiz. Die Gründung erfolgte im Jahre 1824. Sie ist damit die älteste Textilfirma in Greiz. (Strauß)
Die Firma bestand bis zur Enteignung im Jahre 1945. Danach ging sie in den VEB Greika über. (Schneider ) Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass wir in Gestalt des Hauses Brösel vor der Wiege der Greizer Textilindustrie stehen.
Familie Brösel hatte den Gebäudekomplex Carolinenstraße 27 in jahrzehntelangem Besitz bis zur Enteignung 1945. Sie nutzte das Anwesen für Wohnzwecke aber auch für die Firma.


Firmengründer Eduard Brösel ließ u.a. 1854 hinter dem Haus
ein Seitengebäude errichten. (Blase) → Firmengebäude Brösel, Carolinenstraße 27  
                                                                 → Firmengebäude Brösel, Bahnhofstraße 6

1892 sind  Familienmitglieder als Bewohner des Anwesens nachweisbar:
Konstatin Brösel, Georg Brösel, Goswin Brösel, Reinhard Brösel. (Adreßbuch Greiz 1892)
Der Hauptteil der sich erfolgreich entwickelnden Firma Eduard Brösel KG etablierte sich in der Greizer Zeulenrodaer Straße. Eines der noch vorhandenen ehemaligen Firmengebäude, Haus Zeulenrodaer Straße 33 wird heute von Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland e.V. -TITV Greiz genutzt. (Obenauf)
Das Mitglied der Fabrikantenfamilie Georg Brösel (*1864 †1924) kam zu hohem Ansehen in Greiz. Er trug den Titel Kommerzienrat. Er wurde damit geehrt, dass eine Greizer Straße seinen Namen trug. Die am Nordhang des Hainberges gelegene ehemalige Georg-Brösel-Straße heißt heute Birkenacker. (Strauß)
Georg Brösel erwarb im Jahre 1921 das Anwesen Irchwitzer Straße 18, das ehemalige → Odd-Fellow-Heim. Dort wohnte er mit seiner Ehefrau Emma, geb. Köhler, bis zu seinem Lebensende,(Anonymus 1959) → Grabstätte Brösel auf dem Neuen Friedhof in Greiz.

Foto: um 1900, Sammlung Umbeer

Wir zeigen noch eine historische Straßenszene der Carolinenstraße. Der Straßenzug
führt in Richtung Elsterbrücke. Links ist die Einmündung der Bahnhofstraße zu erkennen.
Ganz links am Bildrand steht das Haus Brösel, Carolinenstraße 27.

Wir zeigen nunmehr aktuelle Fotos vom Haus Brösel:


Fassade Carolinenstraße, Gesamtansicht. Das Gebäude steht leer und befindet sich baulich nicht im besten Zustand. Eine Restaurierung wäre dringend erforderlich.
Der Balkon am Mittelrisalit existiert nicht mehr. Die Balkontür wurde beseitigt und in ein Fenster umgewandelt. Die Fenster des Parterres sind mit neuzeitlichem grobem Gitterwerk gesichert. Unschöne Sicherungskästen stehen vor dem Gebäudesockel. Das Dach wurde nachträglich ausgebaut und trägt eine das gesamte Gebäude entstellende neuzeitliche Schleppgaube. Man kann sie nur zurückbauen, um das ursprüngliche Walmdach wiederherzustellen.
Es gibt also einige bauliche Veränderungen zum Nachteil des edlen Gebäudes zu beklagen. Es wäre aber möglich, sie im Zuge einer Rekonstruktion zu korrigieren. Am Straßenrand sind erneuerte gestutzte Bäume der auf Entwürfe des Greizer Gartenkünstlers, des Fürstlichen Parkdirektors Rudolph Reinecken, zurückgehenden Lindenallee der Carolinenstraße zu sehen. (Schaufuß) Zur Person und Tätigkeit von Reinecken  → Arnoldstift  → Villa Ernst Arnold.


Gesamtansicht übers Eck mit Blick in die Bahnhofstraße. Die Fassade Bahnhofstraße hat ebenfalls neun Fensterzüge, so dass sich ein quadratischer Grundriss ergibt. Ein zweizügiger Verbindungstrakt stilistisch angeglichen, stellt den Anschluss zum Nachbargebäude her. Im fünften Fensterzug von der Gebäudekante aus gezählt, d.h. in der ursprünglichen Mitte der Fassade, befindet sich das Portal. Trotz der baulichen Beeinträchtigung erkennt man die großartigen Proportionen des Gebäudes.


Ecksituation des Gebäudes mit Blick in die Bahnhofstraße bis
zum Empfangsgebäude des Bahnhofs.


Fassade zur Bahnhofstraße mit Portal, das durch vier Granitstufen erschlossen wird.
Man erkennt gut den zweizügigen Verbindungstrakt zum Nachbarhaus.


Fenster am Platz der früheren Balkontür im Mittelrisalit der Fassade zur Carolinenstraße


Schleppgaube in näherer Ansicht


Granitsockel


Kellerfenster im Granitsockel. Man beachte die elegante und
schlichte Verarbeitung des Natursteins.


Gebäudekante zur südlich gelegenen Einfahrt von der Carolinenstraße her


Ansicht über das südöstliche Gebäudeeck. Man sieht die gesamte
zur Einfahrt weisende Südfassade mit ihren neun Fensterzügen.
Es bestätigt sich noch einmal der quadratische Grundriss des Gebäudes.


Ansicht übers Eck mit Blick über den Hof. Im Hintergrund ist das aus dem Jahre 1854 stammende Quergebäude zu erkennen → Firma Brösel. Eine „besondere Zierde“ ist das neuzeitliche Gittertor der Einfahrt.


Südfassade zur Einfahrt. Im Obergeschoss wurden teilweise
unpassende Fenster eingesetzt.


Partie der Südfassade. Das erhalten gebliebene Dekor verfehlt 
nach wie vor seine Wirkung nicht.


Obere Etage, an der Einfahrt, übers Eck gesehen. Rechts im Hintergrund Carolinenstraße 25.


Verkoppelte Fenster im Obergeschoss


Verkoppelte Fenster im Parterre

Wie in der Presse mitgeteilt wurde ( Koity) wechselte Haus Carolinenstraße 27 den Besitzer.
Die Stadt Greiz erwarb das Gebäude vom Landkreis Greiz. Die Stadt beabsichtige, das Gebäude abzureißen und ein Parkhaus zu errichten.
Gegen derartige Absichten kann man nur mit aller Entschiedenheit protestieren. Würde das traditionsreiche Haus Brösel abgerissen, fiele eines der ältesten und elegantesten Häuser der Greizer Neustadt der Spitzhacke zum Opfer.
Haus Brösel als Wiege der Greizer Textilindustrie hat für die Geschichte der Stadt Greiz und speziell für die industrielle Entwicklung der Stadt unvergleichliche Bedeutung. Dies zu ignorieren wäre nicht nachzuvollziehen. Der Neubau eines Parkhauses ausgerechnet an diesem Platz inmitten des wertvollen gründerzeitlichen Neustadtareals bedeutete darüber hinaus eine haarsträubende Entwertung der Greizer Neustadt, die es in ihrer einzigartigen historischen Bausubstanz zu erhalten gilt. Wir können nur hoffen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Quellen:
* Adreß- und Geschäftshandbuch der Residenzstadt Greiz. Greiz 1892, Bearbeiter Joachim Richter, Universität Jena, GenWiki
* ANONYMUS: Chronik des Hauses Greiz, Irchwitzer Straße 18, ehemals „Odd-Fellow-Heim“, handschriftlich, unveröffentlicht, 16 Seiten, 3 Abb., Greiz, vermutlich 1959, Sammlung Högger Greiz
* Blase, Hubertus, s. Impressum
* Koity Marius: Carolinenstraße 27 wechselt in Eigentum der Stadt Greiz. OTZ 25.3.2013
* Obenauf, Dieter: Die Geschichte der Greizer Textilindustrie. Greiz 1998, www.muverein-Greiz.de
* Schaufuss, Barbara: Der Greizer Park und seine Gestalter – zum 70.Todestag von Rudolph Reinecken, Greizer Heimatkalender 1998, Hrsg. Volkmar Schneider, Verlag Tischendorf, Greiz 1998
* Schneider, Volkmar: Übersicht über die VEB Greika. Greiz 2013
* Strauß, Gerhard: Zeittafel zur Greizer Textilgeschichte. www.muverein-Greiz.de
* Umbeer, Jens: Greiz Historische Straßenszene, Carolinenstraße um 1900, Sammlung Umbeer

Stand 2013